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- Alfred Grosser, Interview mit der Taz, 28.09.2009
- Goldstone – „Gespräch“
- Hilferuf eines verzweifelten Israeli - Rezension von Avraham Burgs Buch "Hitler besiegen" durch Tamar Amar-Dahl
- Presseerklärung
Auszug aus "Sie schenkten mir Dornen"
SUSAN NATHAN
Sie schenkten mir Dornen (Auszug S. 78 - 86)
Ausgegrenzt im Land der Verheißung
Gustav Lübbe Verlag
SUSAN NATHAN ,überzeugte Zionistin, die im Jahr 1999, 50-jährig, ihrer englischen Heimat den Rücken kehrte und das jedem Juden auf der Welt zustehende Recht auf „Alija“ wahrnahm, registrierte ganz schnell,
„...dass Israel nicht nur eine Zuflucht und eine Heimat für die Juden ist, es steht auch für nackte jüdische Macht. Bei meiner Ankunft in Israel hatte ich das Gefühl, dass ich mittels meines neuen Staates einer Welt trotzte, die mein Volk verfolgt hatte. Der Mehrheit anzugehören ... das war ein Zustand, den ich nach 50 Jahren als britische Jüdin gar nicht kannte. Das Gefühl, selbst das Sagen zu haben und die Verhältnisse umzukehren, war geradezu berauschend....
Als ich 1999 ankam und die israelische Staatsbürgerschaft beanspruchte, da steckte mein Kopf noch voller romantischer Vorstellungen über den Zionismus und den jüdischen Staat.....
Es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, dass dieses Land voller Fremder war, voller Menschen, neben denen ich und meine Landsleute lebten, aber völlig getrennt von ihnen. Die eine Million Araber, die mit den Juden in diesem Staat leben, .....waren unsichtbar für mich, wie für fast alle israelischen Juden. Ihre Kultur, ihre Gesellschaft und ihre Geschichte waren mir rätselhaft.“
Die Englischlehrerin Susan Nathan ist neugierig, und sobald sich die Gelegenheit ergab, im Rahmen ihrer Recherchen für eine studentische Hilfsorganisation namens MAHAPACH eine arabische Stadt zu besuchen, ergriff sie sie beim Schopf - es war die Stadt Tamra im Westen Galiläas.
„Wenige Minuten nach meiner Ankunft in Tamra hatte ich das Gefühl, dass ich ein anderes Israel betreten hätte, eines, das ich noch nie gesehen hatte. Es war geradezu unglaublich, dass man, ganz in der Nähe der luxuriösen jüdischen Gemeinden Galiläas, von einer wichtigen Autobahn abbiegen konnte und sich an einem Ort wiederfand, der so ganz anders war als alle jüdischen Gebiete, die ich bislang aufgesucht hatte, und das nicht nur in kultureller Hinsicht. Auf den ersten Blick war zu sehen, dass Tamra unter einer katastrophalen Überbevölkerung litt. Die Kluft zwischen städtischen Haushaltsmitteln und erforderlichen Investitionen fiel ebenfalls sofort ins Auge. Und ein Schleier der Verzweiflung hing über der Stadt, ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts so großer offizieller Vernachlässigung.
Es war das erste Mal, dass ich eine arabische Stadt besuchte abgesehen von touristischen Spaziergängen in der Altstadt Jerusalems, und ich war zutiefst erschüttert. Ein beunruhigender Gedanke kam mir, und er wollte sich auch nach meiner Rückkehr nach Tel Aviv nicht verdrängen lassen. Tamra sah viel zu vertraut aus. Ich überlegte: Wo habe ich so etwas schon einmal gesehen? Ich erkannte das Diskriminierungsmuster aus meiner Erfahrung mit der Apartheid in Südafrika wieder, dem Land, in dem ich in meiner Kindheit regelmäßig die Familie meines Vaters besucht hatte. Ich roch in Tamra denselben Geruch der Unterdrückung, den ich auch in den schwarzen Townships gerochen hatte.
Diese ersten Eindrücke wurden bei einem Treffen im Haus von Dr. Asad Ghanem noch verstärkt, der in dem benachbarten Dorf Schaab lebte. Der bekannte arabische Gelehrte Dr. Ghanem, einer von wenigen in Israel, beeindruckte mich mit seinen direkten und nüchternen Ausführungen zur Diskriminierung, die in allen Bereichen des Lebens in Israel gegen die arabische Bevölkerung praktiziert wird, von der Beschäftigung und Bildung bis hin zur Zuteilung von Land und Haushaltsmitteln. Bei einem Thema jedoch, auf das er mich aufmerksam machte, fiel es ihm offensichtlich schwer, sachlich zu bleiben. Es war ein Thema, das später Gegenstand vieler Gespräche mit meinen neuen arabischen Nachbarn und Freunden werden sollte. In den arabischen Gemeinden in ganz Israel stehen Zehntausende von Häusern, die ohne Baugenehmigung errichtet wurden und denen deshalb der Abriss droht. Allein in Tamra, so Dr. Ghanem, sollten 150 Häuser abgerissen werden. Immer wieder picke sich die Polizei eine arabische Gemeinde heraus, rücke bei Morgengrauen mit Baggern und Planierraupen an und reiße die illegal errichteten Häuser ab. Der Abbruch dieser Gebäude mit bis zu vier Stockwerken bedeute unter Umständen, dass zahlreiche Großfamilien mit Hunderten von Angehörigen auf einen Schlag obdachlos gemacht würden.
Ich wusste durch meine Recherchen, dass es in arabischen Gemeinden tatsächlich eine illegale Bautätigkeit gibt, die israelische Behörden als rechtswidrig bezeichnen. Menschen haben sich auf staatlichem Land niedergelassen oder ohne Baugenehmigung gebaut. Dr. Ghanem machte mich auf folgenden Punkt aufmerksam: Niemand beschließt freiwillig, seine Ersparnisse und Träume in ein Haus zu investieren, das jederzeit abgerissen werden kann. Arabische Familien sind gezwungen, illegal zu bauen, weil der Staat ihnen in den meisten Fällen keine Baugenehmigung erteilt. Und dann kam der eigentliche Knaller: Er sagte mir, sein eigenes, wunderschönes Haus sei ohne Genehmigung errichtet und vom Abbruch bedroht.
Es besteht kein Zweifel daran, dass das Land, auf dem Dr. Ghanems Haus steht, seit Generationen seiner Familie gehört. Vom Empfangszimmer aus können Besucher die alten Steinfundamente des Hauses seiner Großeltern sehen. Vor einigen Jahren wurden seine Kinder geboren, und er und seine Frau Ahlam konnten nicht länger in der Wohnung seiner Eltern bleiben; sie wollten ein Zuhause auf dem einzigen Stück Land errichten, das der Familie noch geblieben war. Doch die Baubehörden erteilten ihm keine Baugenehmigung. Vom Staat de facto zum Rechtsbrecher gemacht - wie Zehntausende arabischer Familien -, zahlten er und Ahlam seither regelmäßig hohe Bußgelder, um den Abbruch zu verhindern. Es war für sie zur Normalität geworden, dass sie dem Staat große Summen zahlten, um die Zerstörung ihres Lebenstraumes zu verhindern.
Als ich mir Dr. Ghanems Geschichte anhörte, tauchte in meinem Kopf die Frage auf: Wohin sollten er und seine Angehörigen denn gehen? Welche Zukunft hatte der Staat für sie vorgesehen..... Dr. Ghanem und Ahlam sind die Stützpfeiler nicht nur ihrer eigenen Gemeinde in Schaab, sondern auch der ganzen arabischen Gemeinde in Israel. Dennoch zwingt der Staat sie, mit einem furchtbaren Damoklesschwert über dem Kopf zu leben. Sie ziehen ihre Kinder in ewiger Ungewissheit auf. Wenn sie ihr Haus verlassen, wissen sie nicht, ob sie bei der Rückkehr nur noch einen Trümmerhaufen vorfinden werden. Sie sind dazu gezwungen, in einer instabilen Welt zu leben. Ich habe keinen Zweifel daran, dass das bei ihnen und ihren Kindern tiefe Spuren hinterlassen wird.
Mein Treffen mit Dr. Ghanem endete ungemütlich. Ganz sachlich fragte er mich, ob ich die alija gemacht..., ob ich meinen Anspruch als Jüdin geltend gemacht hätte, um in einem Land zu leben, aus dem man die überwältigende Mehrheit seines Volkes vor rund einem halben Jahrhundert vertrieben hatte. Diese Palästinenser leben noch heute in Flüchtlingslagern im ganzen Nahen Osten, die Rückkehr in ihre Häuser in Israel wird ihnen verwehrt.
Zum ersten Mal zögerte ich, diese Frage zu beantworten. Ich begriff, dass meine Vorrechte als jüdische Einwanderin zu Lasten seines Volkes gegangen waren. In seinem Haus holte mich endlich die Realität ein. Das berauschende Machtgefühl war auf einen Schlag verflogen.
Da ich ein neugieriger Mensch bin,... nahm ich die langwierige und schwierige Aufgabe auf mich, mir Informationen zu beschaffen. Ich las alles, was ich über die Stellung der israelischen Araber auftreiben konnte, und so kam ich nicht umhin, die offizielle Version infrage zu stellen.....
Auf die Entdeckung, dass ich genau das gleiche Herr-Knecht-Verhältnis vorfand, das auch in Südafrika existiert hatte, war ich nicht gefasst gewesen. Eine Woche lang plagten mich arge Bauch- und Kopfschmerzen. Mir war, als müsse ich mich von all den Lügen reinigen, mit denen man mich gefüttert hatte.
Als ich mich wieder kräftiger fühlte, kehrte ich nach Tamra zurück. Asad Ghanems Frau Ahlam lud mich ein, über Nacht bei ihnen zu bleiben. Wir aßen zusammen zu Abend. Dann setzten wir uns in der warmen Abendluft auf die Terrasse und unterhielten uns. Wir tauschten Vertraulichkeiten und persönliche Bekenntnisse aus, die Menschen einander in der Regel erst dann offenbaren, wenn sie sich lange kennen. Ich weiß noch, dass ich damals in der Dämmerung auf der Terrasse dachte: Hier lernen sich gerade eine Araberin und eine Jüdin sehr gut und sehr persönlich kennen, und genau so sollte es eigentlich sein. Für kurze Zeit waren wir von einer Gesellschaft, die stets die Juden bevorzugt, abgeschnitten und konnten uns als gleichwertige Partner fühlen. Ich kehrte mit dem festen Entschluss nach Tel Aviv zurück, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste. Israel verlangte - in seiner gegenwärtigen Verfassung - von mir, dass ich eine Entscheidung traf: Wollte ich mein Leben in Tel Aviv fortsetzen und wie alle anderen die Augen vor dem Leid der arabischen Bevölkerung verschließen, oder wollte ich etwas .unternehmen, um die Realität bekannt zu machen und für ihre Veränderung zu arbeiten?
Wie der Zufall es wollte, wurde die Entscheidung de facto für mich getroffen.... Als ich im Winter 2001 von Asad eingeladen wurde, an seiner Ibn Khaldun Association in Tamra arabischen Erwerbstätigen Englischunterricht zu geben, da zögerte ich nicht lange, sondern nahm die Stelle an. Die Familie Abu Haydscha, die ich über meine Arbeit für (die studentische Hilfsorganisation) Mahapach kennen gelernt hatte, bot an, mir die leer stehende oberste Wohnung in ihrem Haus am Hang mit Blick auf die Moschee zu vermieten.
Ich wusste, dass die Trennung von dem jüdischen Kollektiv schmerzhaft sein würde, aber ich konnte nicht ahnen, wie sehr ich mich von Menschen entfremden würde, von denen ich dachte, sie stünden mir nahe. Fast über Nacht verlor ich meine jüdischen Freunde. Individualismus wird in vielen Gesellschaften hoch geschätzt, aber nicht in Israel, wo der Herdentrieb überwiegt. Die Gründe dafür sind zweifellos in der jüdischen Geschichte zu finden, in der jahrhundertelangen Verfolgung, die im Holocaust ihren Höhepunkt fand. Es herrscht die Haltung: Entweder ist jemand für uns oder gegen uns. Niemand darf den Grundkonsens aufkündigen oder auch nur infrage stellen, weil das als Schwächung der Gruppe angesehen wird. Mir sind Menschen jedoch immer schon unendlich viel wichtiger gewesen als Konventionen oder Institutionen. Ich wollte als Jüdin in einer muslimischen Stadt leben, weil ich hoffte, beweisen zu können, dass die Ängste, die uns trennen, nichts mit der Realität zu tun haben. Sie basieren auf Ignoranz, auf einer Ignoranz, die der Staat Israel bei seinen jüdischen Bürgern schüren will, um sie von ihren arabischen Nachbarn zu trennen. Ich kenne Juden, die in einem linken Kibbuz in der Nähe von Tamra gelebt haben. Aber sie haben sich nie in die größte arabische Gemeinde in ihrer Nachbarschaft gewagt.
Ich habe lange und intensiv darüber nachgedacht, weshalb ausgerechnet ich imstande war, mich von dem jüdischen Kollektiv zu lösen, während andere Israelis und Juden sich ihm so sehr verbunden fühlen. Sie sind in der Überzeugung gefangen, dass sie zu ihrem Staat und ihrem Volk halten müssen, sei es nun richtig oder falsch. Den Kern der modernen jüdischen Identität bildet der Opfergedanke, der auf die Geschichte unserer Verfolgung und auf die einzigartigen Gräueltaten des Holocaust zurückgeht. Das Gefühl unter Juden in Israel und auch in der Diaspora, dass sie einzigartige Opfer seien, und zwar als Einzelne und als ethnische Gruppe, kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Opferrolle ist eine Art Kult unter Juden geworden, selbst unter den erfolgreichsten Juden in Europa und Amerika. Sie hat sich als Teil der jüdisch-nationalistischen Ideologie, des Zionismus, entwickelt und schafft eine Welt a la „Alice im Spiegelreich“ für die meisten Juden: Sie sind aufrichtig und restlos überzeugt, dass Israel, dem Staat mit einer hervorragend gerüsteten Armee und dem einzigen Atomwaffenarsenal im Nahen Osten, die unmittelbare Vernichtung entweder durch seine arabischen Nachbarn oder durch die Reste der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten drohe. Die Unwahrscheinlichkeit dieser Szenarien können die meisten Juden jedoch mühelos ignorieren, solange Selbstmordattentäter überfüllte Busse in Tel Aviv und Jerusalem in die Luft jagen.
Niemand soll behaupten, ich könne das Leid nicht ermessen, das vielen Familien durch diese Anschläge widerfährt. Einmal wartete ich auf dem Ben-Gurion-Flughafen auf einen Flug nach Großbritannien, als eine gute Freundin anrief. Mit kaum hörbarer Stimme teilte sie mir mit, dass ihr Sohn, ein Soldat im Militärdienst, von einem Selbstmordattentäter schwer verwundet worden sei. Im vorigen Sommer hatte ich den jungen Mann mit meiner Tochter Tanya bekannt gemacht, und die beiden waren sich sehr nahe gekommen. Seit dem Anschlag hat er sich mehr als 35 Operationen unterzogen, um den an seinem Körper angerichteten Schaden zu beheben. Sein Vater hat acht Herzinfarkte erlitten. Die Erwartungen dieser Menschen an das Leben waren in einem einzigen Augenblick zunichte gemacht worden. Jener Selbstmordanschlag hatte das Leben meiner Freunde mit der gleichen Leichtigkeit zerrissen, mit der man ein Blatt Papier zerreißt.
Mir ist durchaus klar, dass sich diese Anschläge zerstörerisch auf das Leben von Israelis und auf ihr Sicherheitsgefühl auswirken. Aber sie können auch leicht als Ausrede vorgeschoben werden, um sich nicht den Realitäten im ganzen Land stellen zu müssen. Sie verstärken einfach auf sehr negative Weise das Gefühl der jüdischen Opferrolle. Das verstehe ich sehr gut. Wie die meisten Juden wurde auch ich dazu erzogen, mich als Opfer zu betrachten: in einem kollektiven Sinn, als Jüdin, die im Schatten des Holocaust aufwuchs, wie auch individuell, als Jüdin, die im England nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchs, wo der Antisemitismus weit verbreitet war.